Jiaogulan

Als diese Pflanze bei mir ankam, war sie kaum höher als eine ausgestreckte Menschenhand (eine kleine, kleine Menschenhand :-) und hatte eine einstellige Anzahl winziger Blättchen vorzuweisen. Aber satt grün sah sie aus und schien die Reise zu mir gut überstanden zu haben. Ich habe einen mittelgroßen Topf mit normaler Blumenerde und Humus (Verhältnis 50:50) befüllt und ein Fensterbrett Richtung Ostseite als Standort ausgewählt.

Wow. Was kann ich sagen? Ich gieße die Pflanze in Minischlückchen immer mal wieder. Die Erde soll, soweit ich das gelesen habe, feucht gehalten werden aber nicht so triefend nass sein, dass die Pflanze durch Fäule und Schimmel Schaden nimmt. Ein feuchtes Dschungelklima mit Halbschatten… okay, Dschungel ging nicht, aber die Ostseite scheint sie sehr gut zu vertragen, jetzt im April und Mai waren da morgens einige Sonnenstunden am Fenster drin, nicht zu viel, aber auch keine Kellerdunkelheit. Ich gieße lieber öfter und mit weniger Wasser – noch lief nie Wasser in den Untertopf, mir als Laie gibt das Hoffnung, dass die Erde also feucht, aber noch Kapazitäten hat, das Wasser zu halten.

Jiaogulan Blaetter

Jiaogulan Blaetter

Irgendwas muss ich richtig gemacht haben. Aber Jiaogulan ist, so kann man an vielen Stellen lesen, wirklich sehr unproblematisch, fast schon eine perfekte Anfängerpflanze. Einen knappen Monat habe ich sie (es sind 2 Pflanzen) jetzt beobachtet, gegossen und die Blätter sind so zahlreich geworden, die Rankhilfen (ich habe Bambusstäbe und Drahtverbindungen zu „kunstvollen“ Türmen verbastelt) werden fleißig umschlungen und immer wieder muss ich die Pflanze ein wenig zügeln und an die Rankhilfe zurück führen, sonst würde sie mir wahrscheinlich über Nacht den Boden zu wuchern … :-)

Geduld ist zwar eine Tugend, aber meine Freude, endlich eigenen Jiaogulan-Tee ernten und aufgießen zu können war einfach zu groß. Ein wenig ernüchternd musste ich feststellen, dass der intensive, sehr schwer zu beschreibende Geschmack noch nicht wirklich vorhanden war, ebenso die Färbung erinnerte mehr an … warmes Wasser. Geschmacklich war es eher vergleichbar mit Kohlrabi, nicht aufdringlich, nicht unangenehm aber eben nur feinste Nuancen wahrnehmbar – ich konnte aber auch leider nichts Informatives dazu finden, wann man ernten darf oder ob man die Blätter vorher zwingend trocknen muss – das werde ich in den nächsten Wochen ausprobieren. Viel intensiver im Geschmack waren die Blätter, nachdem ich das Teeglas geleert habe, einfach so zerkaut. Ja, selbst nachdem sie mit heißem Wasser in Kontakt kamen und viele Minuten zogen, der Geschmack war scharf, intensiv und kam dem mir bekannten Geschmack schon sehr nahe. Aber holla die Waldfee, die Schärfe war im Tee so nie vorhanden, und die Blättern waren jung und unschuldig und haben im Wasser gelegen – wie das wohl schmeckt, wenn sie „erwachsen“ sind? Auf jeden Fall werde ich die Blätter einmal mit einem Mandarinen-Rucola-Salat bekannt machen oder den Rucola (den ich ähnlich scharf finde) ganz durch Jiaogulanblätter ersetzen; wenn das Wachstum so weiter geht muss ich anbauen, nach draußen umtopfen und andere Plätze finden.

Jiaogulan an der selbstgebauten Rankhilfe

Jiaogulan an der selbstgebauten Rankhilfe

Leider hatte ich bis jetzt noch kein Glück mit einem Steckling. Der Steckling steht in einem Glas mit Wasser, ist seit ungefähr zwei Wochen grün aber so etwas wie Wurzeln konnte ich nicht entdecken, nur die „Schnittstelle“ verfärbt sich etwas bräunlich. Ein gutes oder schlechtes Zeichen? Ich habe noch keine Ahnung, aber so lange sie grün ist und die Blätter nicht hängen lässt, habe ich geduldvolle Hoffnung. Geduld ist bei Jiaogulan sowieso von Vorteil.

Laie wie ich bin habe ich unwissend eine Schere benutzt. Die schlauen Bücher und das Internet raten zu einem scharfen Messer, um nichts zu quetschen oder zu schädigen. Ein zweiter Versuch mit einem Messer wartet jetzt auch im Wasser. (Und ich glaube das Messer war nicht scharf genug … herje, Gärtnerei ist eine Wissenschaft)

Jiaogulan Vermehrung durch Absenker

Jiaogulan Vermehrung durch Absenker

Die Absenker sind auch ungefähr zwei Wochen alt (meine PFlanzenbuchführung ist mein Kopf. Schreiben andere Leute so etwas wirklich auf, führen Buch und Excel-Tabellen?) und sie sind ja noch mit der Mutterpflanze verbunden, wachsen also genauso prächtig und schnell, kleine Stöckchen als Wegweiser, dass sie doch bitte nach oben wachsen sollen werden dankend umrankt – der unter der Erde verborgene Mittelteil wurde mit etwas Draht fixiert. Bewurzelungspulver oder was es nicht alles gibt habe ich nicht benutzt, ob ich das mit den Absenkern richtig gemacht habe (leider fand ich keine Anleitung, die genau auf Jiaogulan und ANFÄNGER :-) zugeschnitten war) werde ich wohl erst wissen, wenn ich den Absenker von der Mutter getrennt habe. Dafür sind mir 2 Wochen aber noch zu kurz… vielleicht schaue ich vorher auch mal nach und schaufle die Erde vorsichtig zur Seite? Abwarten und anderen Tee trinken.

Über die Inhaltsstoffe liest man ja so viele fantastische Sachen, aber ich denke ein wenig gesunde Skepsis darf man sich ruhig bewahren, um nicht enttäuscht zu werden. Sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide sind eine tolle Sache, aber kann ich als Normalsterblicher ohne Labor überhaupt wissen ob die Blätter eine nennenswerte Konzentration aufweisen? „Kraut der Unsterblichkeit“, „Wundersame Anti-Aging-Pflanze“ – hm, das alles sind schillernde Begrifflichkeiten, die hohe Erwartungen und Hoffnungen schüren … aber leider wird mit Hoffnung auch gespielt und Schindluder getrieben. Aber als Laie maße ich mir hier kein in Stein gehauenes Urteil an. Ich weiß nur, dass die Pflanze prächtig wächst, einen mir sehr zusagenden Geschmack hat und hoffentlich bald Tee aus dem Eigenanbau möglich macht, das bringt Abwechslung zum grünen und schwarzen Tee und auch den Kräutertees und Abwechslung war ja schon immer eine gute Möglichkeit, Überdosierungen von „Hausmitteln“ zu vermeiden.

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.“ (Paracelsus) – Erst letztens las ich von einer Frau, die HUNDERTE!!!? Teebeutel täglich zubereitete und trank – Diagnose Fluorose. Ist grüner Tee deswegen per se schädlich? Wohl kaum, aber können so viele Liter einer FLüssigkeit gesund sein? Es gibt schließlich auch Wasservergiftungen. Ich für meinen Teil ziehe daraus die Allerweltsfloskel „Vieles, aber in Maßen“ – und wenn mich Jiaogulan im Eigenanbau etwas gelehrt hat dann ist es wohl Geduld, Geduld und nochmals Geduld. Keine schlechte Sache für ein „Adaptogen“, allein der tägliche Anblick der Wachstumsfortschritte ist entzückend und motivierend. Soll ja auch Stress entgegenwirken, die Gärtnerei. Und Grün soll auch eine entspannende Farbe sein. Was da alles zusammenkommt.. :-)

Jiaogulan im Topf

Jiaogulan im Topf

So viele Wörter, so viele Entdeckungen und viel Freude und erst einen Monat im Topf … das kann nur gut und noch besser werden!